Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen.
Jesus spricht:<***> Eure Traurigkeit soll zur Freude werden.

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Ansprache zum 60 jährigen Bestehen der Jakobuskirche

Es war nämlich so: Ich saß alleine in unserer Kirche. Ich wollte sie auf mich wirken lassen. Damit ich auch etwas Gutes und Passendes zu ihrem Geburtstag sagen könnte.

"Das kenne ich schon", tönte mit einem Mal eine Stimme. "Bei mir reden immer alle, nur ich darf nichts sagen!"

"Aha", sagte ich, "dann mache ich dir also gar keine Freude damit, wenn ich dir einen Geburtstagstoast halte!"

"Nicht besonders", antwortete es etwas schnippisch aus der Stille.

"Wenn ich das jetzt richtig sehe, dann möchtest du selber etwas sagen?" fragte ich ziemlich ratlos.

„Du hast es erfasst!“

„Ja – und wie stellst du dir das vor?“

„Das ist ja mein Problem: wenn ich an meinem Geburtstag mich hinstelle und sage: Meine Damen und Herren, hier spricht die Jakobuskirche – dann bringen die mich doch in die Psychiatrie! Du weißt das doch selber wie schnell das geht.“

„Entschuldige“, antworte ich. „Aber ich war noch nicht in der Psychiatrie.“

„Ja, ja – so hab' ich das nicht gemeint!“ brummte sie.

„Ja und was machen wir jetzt?“ fragte ich.

„Ich habe doch Geburtstag“, sagte die Stimme. „Und da darf man sich doch was wünschen. Oder? Und ich wünsche mir von dir, dass du jetzt aufschreibst, was ich dir sage – und dass du das dann vorträgst. In meinem Namen.“

„Aha“ sagte ich. „Du meinst, das glauben mir die Leute, dass ich stellvertretend für dich deine Rede halte?“

„Die glauben dir doch sonst auch immer, wenn du predigst“, sagte die Stimme etwas ironisch. „Und wenn es schief geht - ich besuche dich auch in Haar!“

„Ja dann...“ sagte ich – aber so ganz wohl war mir nicht zumute. Andererseits: unsere Jakobuskirche hat Geburtstag. „Also gut – ich bin dabei!“

"Dann schreibst du jetzt schön mit und bei meiner Geburtstagsfeier hältst du dann meine Rede?" fragte mich die Stimme – und etwas in ihr schien zu leuchten.

"Mach' ich", sagte ich. "Du bist ja schließlich das Geburtstagskind!"

Und das trage ich Ihnen jetzt vor.

"Liebe Geburtstagsgäste, ich bin ein richtiges „Kind der 50er Jahre“. Auch wenn Deutschland kurz vor meiner Geburt Fußball-Weltmeister geworden ist – so erblickte ich am 19. September1954 doch recht bescheiden das Licht der Welt. Da wurde ich eingeweiht. Das ist glaube ich so etwas wie 'getauft werden'. Heute würde man sagen, ich kam als 'Frühchen' ('Frühgeburt') auf die Welt. Ich war zwar lebensfähig, aber mir fehlten drei Dinge, die für den Selbstwert einer Kirche schon sehr wichtig sind: eine Glocke, ein Turm und eine Orgel. So hieß es denn auch bei meiner Konzeption (die neun Monate vorher am 3. Advent 1953 statt fand): „dass nunmehr zum Bau eines Kirchleins' geschritten werden kann“. Eines Kirchleins! Sie können sich vorstellen, dass ich mir neben der mächtigen neuromanischen Heilig Geist Kirche ziemlich klein vorkam. Gott sei Dank habe ich erst später erfahren, dass meine Existenz in den ersten Jahren überhaupt nicht gesichert war. In dem Erbbauvertrag mit der Gemeinde Pullach hieß es wörtlich: 'Die auf der zur Verfügung gestellten Fläche geplante Kirche darf nur in behelfsmäßiger Bauart errichtet werden, so dass die Entfernung der Kirche ohne große Schwierigkeiten durchgeführt werden kann.'

Aber: der Mensch denkt, und Gott lenkt.

Und ich hatte das Glück, dass ein großes Pullacher Unternehmen mir gegenüber sehr, sehr wohlgesonnen war. Hinzu kam, dass mich die alte katholische Kirche in Pullach von Anfang an wie eine Mutter unterstützte. 'Weißt du' sagte sie zu mir, 'wenn du einmal so alt bist wie ich' – und sie ist ziemlich alt, 'dann hat sich Vieles im Leben relativiert. Leben ist ein Kommen und Gehen; es gleicht den Wellen des Meeres. Ich kann mir schon vorstellen, wie du dich fühlst. Als ich jung war, - und ich war auch einmal jung - da wurde ungefähr gleichzeitig in München eine riesige Kirche eingeweiht. 'Frauenkirche' hat man sie genannt. Ihr gegenüber kam ich mir auch ziemlich klein vor. Ich war eine Bauernkirche in einem Bauerndorf. Aber dann merkte ich, wie wichtig ich für die Menschen bin, die hier leben. Sie brauchen mich. Sie haben mir einen wunderschönen Flügelaltar geschenkt. Und so wird es bei dir auch sein. Du bist wichtig für die Menschen. Das ist das Entscheidende. Alles andere wird sich ergeben!'

Und so war es dann auch. Schon am Trinitatisfest 1955 bekam ich einen Dachreiter mit einer richtigen Glocke. Da war ich ein bisschen stolz! Endlich konnte ich mit meiner katholischen Kollegin mit läuten. Wenn auch ziemlich leise – ich hatte ja nur eine kleine Glocke.- Sechs Jahre später bekam ich dann eine echte Steinmeyer-Orgel: 2 Manuale, zwölf Register. Jetzt klang es in meinem Inneren so schön, dass ich immer wieder eine Gänsehaut bekomme. Und genau 10 Jahre nach meiner Geburt bekam ich dann einen echten Kirchturm mit drei Glocken. Jetzt konnte ich mit meiner katholischen Kollegin endlich mithalten. Mehr noch: wenn wir zusammen läuten, klingt das ziemlich schön und harmonisch. Gemeinsam sind wir stark!

Ich war also 10 Jahre alt und eine richtige Kirche geworden! Ich dachte – so könnte ich alt werden. Doch weit gefehlt.

Irgendwie scheint mein Taufspruch: 'Seid aber Täter des Wortes und nicht Hörer allein!' wirklich für mein Leben zu gelten. Wobei: es scheint das Schicksal von uns Kirchen zu sein, dass jede Generation meint, an uns herum-bauen zu müssen. Dann hört man in Predigten, „daß eine Kirche nie fertig, sondern eine 'Baustelle' ist“. Die müssen das ja auch nicht ertragen, dass immer an einem herum operiert wird. Aber, ich versteh' schon: die Menschen wollen sich halt gerne verewigen. Im Vergleich zu uns Kirchen ist ja ein Menschenleben auch etwas recht Flüchtiges und Kurzes.

Und so wurde ich also am Ende der 70er Jahre umgebaut. Anfangs war ich fassungslos. Der Altarraum sollte nach Süden kommen – wo gibt es denn so was? Und der Altar selber und die neue Kanzel erinnerten mich stark an das Möbelhaus mit dem Elch. Natürlich blieb auch der Spott nicht aus: Sankt Ikea wurde ich genannt.“

„Stopp! Hier muss ich dich unterbrechen“, sagte ich. „Ich war selber an deinem Umbau mit beteiligt. Wir wollten, dass du etwas von dem Geist des Miteinanders ausstrahlst. Wir wollten, dass du es Pfarrern so schwer wie möglich machst, sich als Stellvertreter Gottes zu fühlen und „von ober herab“ das Wort Gottes zu verkündigen. Und wir wollten, dass du eine Kirche wirst, in der sich Menschen spontan wohl und geborgen fühlen.“

„Ja, ja“, antwortete die Stimme. „Das ist euch – glaube ich - ja auch gelungen. Und bin ich auch gar nicht mehr unzufrieden mit den vielen kosmetischen Operationen, die an mir vorgenommen worden sind. Jetzt habe ich auch noch einen schönen Außenbereich mit Wasserstein dazu bekommen. Also – das ist schon alles gut so!“

„Na, da bin ich aber froh.“ sagte ich. „War es das?“

„Gleich“, antwortete die Stimme. „Ich weiß schon, ich soll mich möglichst kurz fassen. Ich möchte mich noch bedanken bei den Menschen, die mich 60 Jahre lang hinter den Kulissen gepflegt, geputzt und gesäubert haben. Das sind unsere Mesner gewesen. Stellvertretend für alle wünsche ich mir zu meinem Geburtstag, dass du Frau Peis einen Blumenstrauß überreichst!

„Und noch eines: grüße mir die katholische Gemeinde und Pfarrer Wolfgang Fluck – die ökumenischen Gottesdienste sind für mich eine besondere Freude.

Und wenn ihr auf mich und meinen Geburtstag ein Glas Prosecco trinkt, dann grüße bitte auch Frau Dr. Constanza ganz herzlich von mir. Ich freue mich schon darauf, wenn sie bei mir predigt.

So – jetzt bin ich fertig! Hast du alles mitgeschrieben?“

„Ja“, antwortete ich.

„Und du versprichst mir, dass du nicht noch etwas von dir in meine Rede hineinmogelst! Was Psychologisches oder Mystisches. Ich bin misstrauisch bei dir.“

„Versprochen“, sagte ich.

„Wird nicht gebrochen!“ antwortete die Stimme.

Ja – so war das. Und weil ich mein Versprechen halte, füge ich jetzt nichts mehr hinzu. Sondern erhebe mein Glas auf unsere 60 Jahre alte Jakobuskirche und auf Frau Dr. Constanza, die nicht nur von unserer Kirche, sondern auch von uns allen hier ganz herzlich willkommen geheißen wird.

Und falls Sie einmal am Sonntag in unsere Jakobuskirche gehen wollen und die ist gerade nicht da, dann müssen Sie sich nicht beunruhigen: sie besucht mich gerade im Bezirkskrankenhaus!

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